Vielleicht kennst du es noch aus deiner Kindheit: das Gefühl, die Stimmung im Raum erspüren zu müssen. Wenn dein Herz schneller schlug, sobald die Haustür aufging, weil du nicht wusstest, in welcher Laune deine Eltern sein würden? Diese besondere Vorsicht, als würdest du auf Eierschalen laufen, hat einen Namen und ist kein Einzelschicksal – und vor allem: Du bist damit nicht allein.
Die „Eierschalen-Erziehung“ (im Englischen "Eggshell Parenting") beschreibt Eltern, die ihre eigenen Gefühle nicht gut regulieren können. Als Kind musstest du deshalb aufpassen, um keine emotionalen Ausbrüche auszulösen. Das für dich zu erkennen, muss keine Schuldzuweisung an deine Eltern sein – oft haben sie selbst ähnliche Erfahrungen gemacht oder kämpfen mit eigenen emotionalen Herausforderungen. Doch die Auswirkungen dieser Erziehung können für uns bis ins Erwachsenenalter spürbar bleiben. Das betont auch die US-Psychologin Dr. Kim Sage, die dieses Phänomen mit einem viralen TikTok-Video bekannt gemacht hat. Diese fünf Anzeichen deuten darauf hin, dass du davon betroffen bist.
1. Du bist Profi im People-Pleasing
Als Kind hast du gelernt, dass Harmonie Sicherheit bedeutet. Du hast ein Talent entwickelt, auf die Bedürfnisse anderer einzugehen – manchmal so sehr, dass deine eigenen in den Hintergrund rücken. Wenn jemand in deiner Umgebung unglücklich ist, fühlst du dich innerlich gedrängt, zu helfen, auch wenn niemand danach fragt.
Diese Fürsorge macht dich vielleicht beliebt bei Freund*innen, Kolleg*innen und Familienmitgliedern. Aber das ständige People-Pleasing kann schnell im Burn-out enden, weil deine eigenen Bedürfnisse zu kurz kommen. Expert*innen bezeichnen dieses Verhalten als „Fawn-Reaktion“ – eine Trauma-Antwort, bei der du versuchst, durch Beschwichtigung und Anpassung Sicherheit zu schaffen.
Hilfreich findest du bestimmt unsere Strategien zum Nein sagen - sowie das Ratgeber-Workbook „Neinsagen ohne schlechtes Gewissen“ von Bestseller-Autorin Franca Cerutti.
2. Du bist in ständiger Alarmbereitschaft
Deine Antennen für die Gefühle anderer sind unglaublich fein entwickelt. Du nimmst kleinste Veränderungen in der Stimme oder Körperhaltung wahr und weißt sofort, wenn etwas nicht stimmt. Diese Fähigkeit war dein Schutzschild als Kind – sie half dir, die Stimmung deiner Eltern frühzeitig zu erkennen und dich entsprechend anzupassen. Auch heute spürst du deshalb in sozialen Situationen ständig eine erhöhte Anspannung und fühlst dich verantwortlich, emotionale „Brände“ zu löschen, bevor sie entstehen können.
Dieses Verhalten kann auch im Zusammenhang mit Hochsensibilität stehen: Als hochsensible Person bist du oft anfälliger für Trauma durch das Verhalten deiner Eltern. Aber Traumata können auch eine erhöhte Sensibilität bewirken, die sich von einer Hochsensibilität unterscheidet. Die Arbeit mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten kann dir Klarheit bringen.
Bist du von Trauma betroffen, findest du bei der Telefonseelsorge unter 0800 1110111 Hilfe und du kannst beim IQWiG Beratungsangebote finden. Bei der Bundes-Psychotherapeuten-Kammer findest du eine Therapeutensuche. Auch das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch und der Arbeitskreis der Opferhilfen in Deutschland e.V. (ado) sind wichtige Anlaufstellen. Bei einem psychischen Notfall ist es wichtig, dich an die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter der Telefonnummer 112 zu wenden.
3. Du hast Schwierigkeiten, deine eigenen Gefühle zu erkennen und auszudrücken
Wenn du bei emotionalen Eltern aufgewachsen bist, hast du vermutlich gelernt, deine eigenen Gefühle zu unterdrücken. Du hast erfahren, dass deine Emotionen die Situation nur verschlimmern können. Häufig fällt es uns bis ins Erwachsenenalter schwer, unsere Gefühle zu benennen, und wir verwenden dann Begriffe wie „überwältigt“ oder „unwohl“, ohne die wirkliche Ursache zu kennen. Denn Trauer, Wut oder Enttäuschung konnten in deiner Kindheit vielleicht nicht sicher und offen ausgedrückt werden, wurden überhört oder bestraft. Und emotionale Sicherheit wurde dir so nie vermittelt oder vorgelebt.
Der sanfte Weg zurück zu deinen Gefühlen beginnt mit kleinen Schritten des Zuhörens nach innen, indem du auf deinen Körper hörst und beginnst, Gefühle zu spüren und sie zu benennen.
4. Du fühlst dich übermäßig verantwortlich für die Gefühle anderer
Wenn dein Kollege oder die Chefin schlecht gelaunt ins Büro kommt, denkst du sofort, du hättest etwas falsch gemacht? Das ist typisch für Menschen, die mit „Eierschalen-Eltern“ aufgewachsen sind. Du hast als Kind gelernt, dass du für die Emotionen deiner Eltern verantwortlich bist. Diese Überzeugung begleitet dich wahrscheinlich auch in deinen heutigen Beziehungen.
Du übernimmst automatisch die Verantwortung für die Stimmungen anderer und versuchst, sie zu „reparieren“, obwohl sie oft nichts mit dir zu tun haben. Aber: Heute darfst du lernen, dass jeder Mensch für seine eigenen Emotionen verantwortlich ist. Du kannst deine Mitmenschen mitfühlend begleiten, aber bist nicht dafür verantwortlich, ihre Gefühlswelten zu steuern.
Von Eggshell-Parenting ...
… können alle Generationen gleichermaßen betroffen sein. Es ist aber kein Zufall, dass der Begriff besonders bei Millennials auf Resonanz stößt. Denn als derzeitige Sandwich-Generation tragen sie mehr als zuvor die Verantwortung, ihre eigenen Traumareaktionen im Erwachsenenalter und als Eltern zu navigieren, indem sie versuchen, sich von den vorgelebten Verhaltensweisen ihrer Eltern zu verabschieden. Und den Zyklus so für ihre eigenen Kinder zu durchbrechen.
5. Du hast Probleme damit, Grenzen zu setzen
Als Kind war es vielleicht nicht sicher, eigene Bedürfnisse zu äußern oder „Nein“ zu sagen. Vielleicht hast du erlebt, dass Grenzen nicht respektiert wurden oder zu emotionalen Ausbrüchen führten. Diese Erfahrungen beeinflussen dich bis heute und du bist Meister*in darin, Konflikte zu vermeiden. Dir fällt es schwer, deine eigenen Bedürfnisse zu kommunizieren und Grenzen zu ziehen – nicht nur deinen Eltern gegenüber, sondern in allen Beziehungen. Doch jedes Mal, wenn du jetzt eine Grenze setzt, stärkst du dein Selbstvertrauen. Mit der Zeit wird es leichter, und du gewinnst mehr Sicherheit und Kontrolle über dein eigenes Leben.
Gesunde Grenzen zu setzen lernst du z.B. mit dem Spiegel-Bestseller „Wenn jeder dich mag, nimmt keiner dich ernst“ von Lebenscoach Martin Wehrle.
Muster durchbrechen und neu beginnen
Wenn du verstehst, dass du mit „Eierschalen-Eltern" aufgewachsen bist und deine Muster erkennst, kannst du beginnen, die Auswirkungen auf dein Leben zu beeinflussen.
- Beginne mit kleinen Schritten, deine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Frage dich regelmäßig: „Was brauche ich gerade?“
- Es ist wichtig, gesunde Grenzen zu setzen – auch wenn das zunächst schwerfällt und auf Widerstand stößt.
- Überlege, welche Gesprächsthemen oder Aktivitäten mit deinen Eltern oder anderen dir nicht guttun, und lerne, diese zu begrenzen.
- Suche dir dabei Unterstützung, sei es durch eine*n Therapeut*in oder verständnisvolle Freund*innen.
- Umgebe dich mit Menschen, die dich dazu ermutigen, authentisch zu sein. Freundschaften und Beziehungen, in denen du dich sicher fühlst helfen dir, neue emotionale Muster zu erlernen.
Sei geduldig und mitfühlend mit dir selbst. Alte Muster zu durchbrechen braucht Zeit. Erinnere dich daran: Du bist nicht verantwortlich für die Emotionen deiner Eltern – und warst es auch nie. Deine eigenen Gefühle sind wichtig und haben Raum verdient.








