Kein Google, kein „schnell bestellen“, keine Dauer-Beschallung. Dafür: Langeweile, kleine Frustmomente – und ziemlich viel „Komm klar“. Die späten Babyboomer und frühe Gen X haben ihren Alltag ohne digitale Hilfsmittel bewältigt und sind ganz anders aufgewachsen als Kinder der 90er und Nuller Jahre.
Und genau das ist spannend: Psychologen und Psychologinnen beobachten, dass Menschen, die in den 1960ern und 1970ern groß wurden, oft mentale Fähigkeiten mitbringen, die heute weniger selbstverständlich sind. Nicht, weil sie „härter“ oder anders erzogen wurden – sondern weil der Alltag damals sie ganz automatisch trainiert hat. Davon können wir Jungen uns eine Scheibe abschneiden und ihr Älteren könnt euch feiern!
Was muss, dass muss
Warten in der Schlange, langweilige Nachmittage, peinliche Gespräche, kalte Hände ohne Handschuhe – früher war das keine Katastrophe, sondern Alltag. Viele aus den 60ern/70ern haben dadurch gelernt: Unangenehme Gefühle sind nicht gefährlich. Man kann sie aushalten, ohne sofort in Stress oder Fluchtmodus zu rutschen. Psychologisch nennt man das Distress Tolerance – und sie ist ein echter Resilienz-Booster.
Fokus is King
Ein Buch am Stück lesen. Ein Album von Anfang bis Ende hören. Hausaufgaben ohne Ablenkung machen. Menschen, die ohne Dauer-Scrolling aufgewachsen sind, haben oft eine Fähigkeit bewahrt, die heute immer seltener wird: tiefe Aufmerksamkeit. Während viele von uns heute in Mikro-Sekunden zwischen Reizen springen, konnten sie stundenlang bei einer Sache bleiben – weil das Leben es so verlangt hat.
Ich schaffe das!
Wer damals etwas wollte, musste es sich meistens erarbeiten: sparen, üben, dranbleiben. Das fördert ein inneres Mindset, das Psychologen „internal locus of control“ nennen: Ich habe Einfluss auf mein Leben. Und das ist nicht nur ein netter Gedanke – es hängt stark mit Zufriedenheit, Motivation und psychischer Stabilität zusammen.
Ohne Ghosting, ohne Blockieren
Wenn man sich früher gestritten hat, ging das nicht mit „Nachrichten ignorieren“ oder „Kontakt blockieren“. Man musste reden. Das hat viele in zwei Dingen trainiert: Den Mut zur direkten Klärung und das Aushalten eines Spannungsgefühls.
Heute vermeiden wir Konflikte oft – oder führen sie über Missverständnisse am Bildschirm. Doch echte Beziehungen brauchen diese Fähigkeit: unangenehme Gespräche führen zu können, ohne zu explodieren oder zu verschwinden.
Die unterschätzte Stärke der Geduld
Wenn du in den 70ern etwas wolltest, kam es nicht „morgen per Express“. Man hat auf Briefe gewartet, auf Verkehrsmittel, auf Anrufe, auf saisonale Lebensmittel. Auf Dinge, die man sich monatelang erspart hat oder die es eben nur zu einer bestimmten Zeit gibt. Dieses Training nennt sich delayed gratification – Belohnung aufschieben können – und gilt als wichtiger Baustein für Selbstkontrolle, gesunde Entscheidungen und langfristige Zufriedenheit.
Regulierte Emotionen
Viele Menschen aus dieser Generation mussten im Alltag oft pragmatisch handeln: Rechnungen, Verantwortung, Arbeiten gehen, die Familie ernähren. Das heißt nicht, dass Gefühle unwichtig waren – aber sie haben nicht automatisch die Richtung vorgegeben.
Daraus entsteht etwas, das Psychologie als Emotionsregulation beschreibt: stark fühlen können, ohne impulsiv zu handeln. Eine Fähigkeit, die heute besonders wertvoll ist – weil wir emotional ständig getriggert werden: durch News, Social Media, Dauervergleiche. Wir werden heute abgelenkter als früher, als man sich auf das Wesentliche fokussieren konnte.
Selbst ist die Frau und der Mann
Heute ist vieles nur einen Klick entfernt. Damals war vieles: ausprobieren, scheitern, nochmal versuchen. Kaputter Toaster? Selber reparieren oder jemanden finden, der helfen kann. Weg finden? Jemanden fragen oder die Karte nutzen. Missverständnis? Persönlich klären und den Konflikt bewältigen.
Das hat etwas aufgebaut, das man wie mentale Stabilität durch Kompetenz beschreiben kann: „Ich krieg das irgendwie hin.“ Psychologen verbinden das mit Resilienz – weil Selbstvertrauen oft genau dort entsteht, wo man nicht sofort Hilfe oder Abkürzungen hat.
Was da ist, reicht mir aus
Weniger Besitz, weniger Vergleich, weniger Updates – viele wuchsen mit dem Gefühl auf: Man muss nicht ständig optimieren. Und genau das ist heute eine seltene Stärke: Wir haben so viele Möglichkeiten und es steht uns alles offen, dass wir damit total überfordert sind. Früher gab es häufig wenig Auswahl und keine Alternativen, man kannte nichts anderes und gab sich schneller zufrieden. Das schützt vor dem Dauergefühl, dass „irgendwas noch besser sein müsste“.
Natürlich waren die 60er und 70er nicht „besser“. Aber sie haben die Menschen damals auf eine Art geprägt, so wie uns die digitale Welt heute prägt. Letztlich sind wir heutzutage auch zu all diesen Fähigkeiten in der Lage, wir müssen sie nur einfach anders trainieren und aktiv an ihnen arbeiten. Denn jede Zeit ist einfach anders und hat andere Herausforderungen für uns. Daher lohnt es sich, auch mal zurückzublicken, wie Menschen der älteren Generation lebten, um etwas für das Jetzt zu lernen und einander besser zu verstehen.










