Als Eltern wollen wir das Beste für unsere Kinder. Aber Erziehung ist komplex, und niemand von uns macht alles richtig. Und so rutschen uns manchmal Sätze heraus, die gut gemeint sind, aber langfristig mehr schaden als helfen können. Manche dieser scheinbar harmlosen Aussagen können das Selbstwertgefühl unserer Kinder untergraben, ihre Motivation schwächen oder sie in starre Denkmuster pressen. Deswegen habe ich diese sieben Formulierungen aus meinem Erziehungsalltag gestrichen – und damit meinem Kind einen großen Gefallen getan.
1. “Welche Note hatte denn …?”
Dieser Satz war bei mir fast schon Reflex, wenn mein Kind mit einer Klassenarbeit nach Hause kam. Doch damit lenke ich den Fokus sofort weg von der eigenen Leistung meines Kindes und mache den Vergleich zur Messlatte. Ich vermittle unbewusst: Deine Note allein sagt nichts aus, erst im Vergleich mit anderen wird sie wichtig. Das fördert Konkurrenzdenken statt Selbstreflexion und kann dazu führen, dass sich mein Kind entweder überlegen oder minderwertig fühlt – je nachdem, wie der Vergleich ausfällt.
Heute frage ich stattdessen: “Wie fühlst du dich mit deiner Note?” oder “Was lief gut, und wo hättest du dir mehr Unterstützung gewünscht?” So helfe ich meinem Kind, die eigene Leistung einzuschätzen, ohne sie permanent an anderen zu messen. Auch das Buch “Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn” von Danielle Graf und Katja Seide hat mir geholfen, zu verstehen, warum Kinder sich so verhalten, wie sie es tun – und wie ich angemessen darauf reagieren kann.
2. “Nur noch fünf Minuten, dann musst du ins Bett.”
Dieser Satz klingt erstmal harmlos, aber ich habe gemerkt: Ich sage ihn oft, wenn ich selbst erschöpft bin und einfach nur Ruhe brauche – nicht weil mein Kind wirklich müde ist. Damit ignoriere ich die tatsächlichen Bedürfnisse meines Kindes und setze starre Grenzen, die mehr mit meiner eigenen Erschöpfung zu tun haben als mit dem Rhythmus meines Kindes.
Besser funktioniert für uns: “Ich merke, dass du noch nicht müde bist. Lass uns noch eine ruhige Aktivität machen, und dann schauen wir, wie es dir geht.” So respektiere ich die Signale meines Kindes und finde trotzdem einen Weg, der für beide passt.
3. “Sei nicht traurig/wütend/ängstlich.”
Emotionen zu unterdrücken oder abzuwerten, kann langfristige Folgen haben. Wenn ich meinem Kind vermittle, dass bestimmte Gefühle nicht okay sind, lernt es, diese zu verdrängen, statt sie zu verstehen und zu regulieren. Alle Emotionen haben ihre Berechtigung und erfüllen wichtige Funktionen.
Statt “Sei nicht traurig” sage ich heute: “Ich sehe, dass du traurig bist. Möchtest du mir erzählen, was dich beschäftigt?” Damit validiere ich die Gefühle meines Kindes und öffne Raum für echte emotionale Bildung.
Das “Gefühlsmonster-Kartenset” hat mir und meiner Tochter ebenfalls geholfen, unsere Emotionen zu benennen und auszudrücken – ein wertvolles Werkzeug für die emotionale Entwicklung.
4. “Dein Lehrer oder deine Lehrerin hatte bestimmt nur schlechte Laune.”
Gut gemeint, aber fatal in der Wirkung: Wenn ich die (meist negative) Reaktion oder Rückmeldung einer Lehrkraft damit abtue, dass sie “schlechte Laune” hatte, bringe ich meinem Kind bei, dass unangenehmes Feedback ignoriert werden kann, wenn man nur eine passende Ausrede findet. Selbst wenn die Kritik vielleicht überzogen war – mein Kind lernt durch diesen Satz keine Problemlösungskompetenz, sondern Verantwortungsabwehr.
Heute sage ich stattdessen: “Das klingt, als wäre die Situation schwierig gewesen. Erzähl mir genau, was passiert ist, und dann überlegen wir gemeinsam, wie du damit umgehen kannst.” So nehme ich mein Kind ernst, helfe ihm aber gleichzeitig, Verantwortung für sein Verhalten zu übernehmen.
5. “Ich bin so stolz auf deine Eins!”
Moment – ist Lob nicht etwas Gutes? Durchaus, aber ich habe gelernt, zwischen personenbezogenem und prozessorientiertem Lob zu unterscheiden. Wenn ich nur die Note lobe, verknüpfe ich den Wert meines Kindes mit Leistung. Besser ist es, den Prozess anzuerkennen. So fördere ich Motivation statt Leistungsdruck. Mein Kind lernt, dass nicht nur das Ergebnis zählt, sondern der Weg dorthin.
6. “Warte, bis Papa/Mama nach Hause kommt.”
Mit diesem Satz untergrabe ich meine eigene Autorität und schiebe Verantwortung ab. Mein Kind lernt dadurch, dass ich selbst keine Konsequenzen durchsetzen kann oder will. Gleichzeitig wird der andere Elternteil automatisch in eine “Buhmann-Rolle” gedrängt. Besser ist es, wenn ich Konsequenzen direkt und klar kommuniziere und auch selbst umsetze. Das schafft Verlässlichkeit und zeigt meinem Kind, dass beide Elternteile gleichwertige Bezugspersonen sind.
7. “Du musst dich in der Schule einfach mehr anstrengen.”
Dieser Satz kommt schnell über die Lippen, wenn die Noten schlechter werden oder Lehrer*innen sich beschweren. Doch er ist in mehrfacher Hinsicht problematisch: Erstens unterstelle ich meinem Kind, dass es sich nicht genug Mühe gibt – ohne zu wissen, ob das stimmt. Vielleicht strengt es sich bereits sehr an, versteht den Stoff aber trotzdem nicht, hat Prüfungsangst oder wird in der Klasse abgelenkt. Zweitens biete ich keine konkrete Hilfe an, sondern formuliere eine pauschale Forderung. Das erzeugt Druck, aber keine Lösung.
Heute sage ich stattdessen: “Ich sehe, dass es gerade schwierig ist. Lass uns gemeinsam schauen, woran es liegt und wie ich dich unterstützen kann.” So zeige ich, dass ich auf der Seite meines Kindes stehe und nach Lösungen suche, statt nur Forderungen zu stellen.
Was ich stattdessen tue
Kommunikation mit Kindern ist ein ständiger Lernprozess, und niemand ist perfekt. Ich ertappe mich selbst immer wieder dabei, in alte Muster zu fallen. Doch wenn ich einen dieser Sätze doch mal sage, halte ich inne und korrigiere mich. Ich erkläre meinem Kind, warum ich das anders formulieren möchte, und entschuldige mich, wenn nötig. Damit modelliere ich etwas Wichtiges: dass auch Erwachsene Fehler machen und sich weiterentwickeln dürfen.
Statt diese sieben Sätze zu verwenden, versuche ich heute, mit meinem Kind auf Augenhöhe zu kommunizieren. Ich beschreibe, was ich wahrnehme, teile meine eigenen Gefühle mit und frage nach der Perspektive meines Kindes. Das braucht manchmal mehr Zeit und Geduld, aber die Beziehung zu meinem Kind und sein gesundes Selbstbild sind es mir wert. Denn genau darum geht es am Ende: nicht um perfekte Erziehung, sondern um eine Bindung, die auf Respekt, Vertrauen und echter Wertschätzung basiert.










