Kennst du das? Du willst eigentlich "Nein" sagen, aber irgendwie rutscht doch wieder ein "Ja" heraus. Oder du fühlst dich schlecht, wenn du deine eigenen Bedürfnisse über die anderer stellst. Diese Schwierigkeit, gesunde Grenzen zu ziehen, hat oft tiefe Wurzeln in unserer Kindheit – und kann sich auch auf unsere eigenen Kinder übertragen.
Grenzen zu setzen ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, die wir im Leben brauchen. Sie schützen unsere körperliche und emotionale Gesundheit, unsere Zeit und Energie. Doch viele von uns haben nie richtig gelernt, wie das geht. Schuld daran sind oft bestimmte Sätze, die wir als Kinder immer wieder gehört haben. Sätze, die gut gemeint waren, aber dazu geführt haben, dass wir unsere eigenen Gefühle und Bedürfnisse nicht ernst genommen haben – oder sie unbewusst hinten anstellen. Hier sind acht typische Aussagen und wie sie uns bis heute beeinflussen.
#1 "Das ist doch nicht so schlimm" – Die Bagatellisierungsfalle
Der Satz oft gut gemeint, aber: Wenn deine Eltern deine Probleme ständig heruntergespielt haben, hast du vermutlich gelernt, unangenehme Situationen zu lange zu ertragen. Du erkennst nicht mehr, wann eine Grenze tatsächlich überschritten wird, weil dein innerer Alarm auf stumm geschaltet wurde.
Heilungsweg: Achte auf körperliche Signale – Anspannung, Magenschmerzen oder Unwohlsein sind oft die ersten Anzeichen, dass deine Grenzen verletzt werden. Übe, diese Signale wahrzunehmen, bevor die Situation eskaliert. Frage dich regelmäßig: "Fühlt sich das gut an für mich?" Wenn nicht, ist es Zeit, eine Grenze zu setzen.
#2 "Stell dich nicht so an!" – Wenn Gefühle nicht zählen dürfen
Hast du diesen Satz als Kind oft gehört? Dann kennst du wahrscheinlich das Gefühl, dass deine Sorgen und Ängste nicht wichtig genug sind, um sie zu äußern. Als Erwachsener zweifelst du vielleicht ständig an deinen eigenen Empfindungen.
Dein Heilungsweg: Beginne damit, ein Gefühlstagebuch zu führen. Notiere täglich, was du fühlst – ohne Bewertung. Erlaube dir, alle Emotionen zu haben, auch die "unbequemen". Sage dir bewusst: "Meine Gefühle sind berechtigt, egal was andere denken." Mit der Zeit lernst du, deinen emotionalen Kompass wieder zu vertrauen.
Lesetipps: Das "Grenzen Setzen Arbeitsbuch" von Eveline D. Schreinicke ist ein guter Begleiter, um das Nein sagen zu verinnerlichen. Auch das Buch "Grenzen setzen & Nein sagen für Harmoniesüchtige" von Frank Steinebronn gibt hilfreiche Tipps für den Alltag.
#3 "Sei doch dankbar!" – Wenn Abhängigkeit zur Waffe wird
Dieser Satz hinterlässt ein lebenslanges Schuldgefühl. Wenn du ihn oft gehört hast, fühlst du dich vielleicht bis heute verpflichtet, immer "Ja" zu sagen – aus Dankbarkeit für alles, was andere für dich tun oder getan haben.
Dein Heilungsweg: Trenne Dankbarkeit von Verpflichtung. Du kannst dankbar sein und trotzdem "Nein" sagen. Übe Sätze wie: "Ich schätze dein Angebot sehr, aber ich muss leider ablehnen." Erinnere dich: Echte Dankbarkeit entsteht aus freiem Willen, nicht aus Zwang oder Schuldgefühlen. Noch mehr Wege, um besser Nein zu sagen, findest du hier bei uns.
#4 "Was werden die Leute denken?" – Die Angst vor dem Urteil anderer
Dieser Satz prägt Kinder nachhaltig. Wenn du ihn oft gehört hast, bist du vermutlich heute noch besessen davon, allen zu gefallen und niemandem zur Last zu fallen – selbst wenn das bedeutet, deine eigenen Grenzen zu überschreiten.
Dein Heilungsweg: Mache dir bewusst, dass du nicht für die Gefühle anderer verantwortlich bist. Übe, etwas zu tun, was dir wichtig ist, auch wenn andere es seltsam finden könnten. Trage ein auffälliges Kleidungsstück, äußere eine unpopuläre Meinung oder lehne eine Einladung ab, ohne dich zu rechtfertigen. Mit jedem Mal wird die Angst vor dem Urteil anderer kleiner.
#5 "Ich weiß, was besser für dich ist" – Die Entmündigung
Eltern, die ständig über die Köpfe ihrer Kinder hinweg entscheiden, erziehen Menschen ohne Selbstvertrauen in die eigene Intuition. Wenn du so aufgewachsen bist, fragst du wahrscheinlich ständig andere um Rat, statt auf dein Bauchgefühl zu hören.
Dein Heilungsweg: Übe, kleine Entscheidungen allein zu treffen, ohne andere um ihre Meinung zu fragen. Beginne mit einfachen Dingen wie der Wahl eines Restaurants oder eines Films. Reflektiere anschließend: War es eine gute Entscheidung? Wie fühlt es sich an, auf deine eigene Intuition zu vertrauen? Mit der Zeit wirst du sicherer und kannst auch größere Entscheidungen selbstbewusst treffen.
#6 "Das macht man nicht!" – Die Regel ohne Erklärung
Regeln ohne Begründung rauben Kindern die Chance, eigene Werte zu entwickeln. Wenn du mit solchen Aussagen aufgewachsen bist, hast du vielleicht heute Angst davor, gegen ungeschriebene Regeln zu verstoßen und negativ bewertet zu werden.
Heilungsweg: Hinterfrage vermeintliche "Regeln". Frage dich bei jeder Situation, in der du automatisch denkst "Das macht man nicht": Wer sagt das? Warum? Stimme ich dem zu? Entwickle bewusst deine eigenen Werte und Prinzipien, nach denen du leben möchtest – unabhängig von den Erwartungen anderer.
In unserem Video spricht Stefanie Stahl zum Thema "inneres Kind":
#7 "Warum hast du das gemacht?" – Die Rechtfertigungsspirale
Wenn du als Kind ständig deine Handlungen rechtfertigen musstest, hast du vermutlich gelernt, dass deine natürlichen Impulse und Entscheidungen grundsätzlich falsch sind. Heute fühlst du dich vielleicht verpflichtet, jede deiner Entscheidungen ausführlich zu begründen – selbst wenn es nur darum geht, eine Einladung abzulehnen.
Dein Heilungsweg: Übe kurze, klare Antworten ohne Rechtfertigung. "Nein, das passt mir nicht" ist ein vollständiger Satz. Du musst nicht erklären, warum. Wenn du doch eine Erklärung geben möchtest, halte sie kurz und wiederhole dich nicht. Erinnere dich: Deine Entscheidungen brauchen keine Rechtfertigung, um gültig zu sein.
#8 "Jetzt sei doch mal leise!" – Wenn Stimmen zum Schweigen gebracht werden
Dieser Satz lehrt Kinder, dass ihre Meinungen, Gedanken und Gefühle unwichtig oder sogar störend sind. Wenn du ihn oft gehört hast, fällt es dir heute wahrscheinlich schwer, deine Bedürfnisse zu äußern oder in Konflikten für dich einzustehen. Du bleibst lieber still, als "Ärger zu machen".
Dein Heilungsweg: Beginne damit, deine Stimme in sicheren Umgebungen zu üben. Teile in einem vertrauten Freundeskreis deine Meinung mit. Schreibe deine Gedanken auf, wenn das Sprechen noch zu schwerfällt. Nimm an einem Kommunikationskurs oder einer Selbsthilfegruppe teil. Jedes Mal, wenn du dich ausdrückst, stärkst du deine Stimme und dein Selbstvertrauen.
Grenzen setzen lernen – ein Geschenk an dich selbst
Gesunde Grenzen zu setzen ist wie ein Muskel, den wir trainieren können – auch wenn wir es als Kinder nicht gelernt haben. Der erste Schritt ist, die alten Muster zu erkennen. Beobachte dich selbst: Wann sagst du "Ja", obwohl du eigentlich "Nein" meinst? In welchen Situationen denkst du automatisch "Das darf ich nicht"?
Sei geduldig mit dir selbst. Grenzen zu lernen, braucht Zeit. Aber jeder kleine Schritt in diese Richtung ist ein Geschenk an dich selbst. Mit jedem "Nein", das du aussprichst, mit jeder Grenze, die du setzt, gewinnst du mehr Selbstachtung und Freiheit. Denk daran: Deine Bedürfnisse sind wichtig und verdienen Respekt – auch von dir selbst. Du bist es wert, geschützt und respektiert zu werden. Und der erste Schritt dazu ist, dich selbst zu schützen und zu respektieren.










