"Wenn du schön aufisst, wird das Wetter auch schön!" Früher war ein solcher Satz total üblich, Eltern der Generation Babyboomer haben das oft zu hören bekommen oder auch zu uns Millennial- und Gen X-Kindern noch gesagt. Für viele Großeltern gehörte Aufessen, was auf dem Teller ist, einfach zur "guten Erziehung" wie das Tischgebet. Schließlich durfte nach dem Krieg nichts „verschwendet“ werden. Heute wissen wir: Kinder zum Aufessen zu drängen, ist veraltet – und kann ihnen langfristig schaden. Die Forschung ist in diesem Punkt erstaunlich klar.
Hier kommen 5 Gründe, warum „Du musst aufessen!“ eurem Kind mehr schadet als nützt – und was Familien heute besser machen können.
Kinder verlernen ihr natürliches Sättigungsgefühl
Babys haben von Natur aus noch ein sehr feines Gespür dafür, wann sie hungrig sind und wann sie genug haben. Wenn wir Kindern später jedoch sagen, dass sie „noch drei Bissen“ essen oder den Teller leeren sollen, vermitteln wir ihnen, dass nicht ihr Körper, sondern äußere Faktoren entscheiden. Dadurch verlieren sie nach und nach den Kontakt zu ihrem Sättigungssignal und orientieren sich stattdessen an Portionen, Erwartungen oder Druck. Fachleute betonen, dass dieses erlernte Ignorieren des eigenen Körpers langfristig dazu führen kann, dass Menschen eher über ihren Hunger hinaus essen.
Außerdem ist es ganz natürlich, dass ein Kind nicht jeden Tag totalen Hunger hat. Das stellt sich von ganz allein ein. Und ein Kind "fällt nicht vom Fleisch" (typischer Ausdruck früher) wenn es eine Mahlzeit ausfallen lässt. Da sind Kinderärzte auch ganz klar in ihrer Meinung und bestätigen dies.
Druck am Tisch verwandelt Essen in einen Machtkampf
Sätze wie „Noch zwei Gabeln, sonst gibt es keinen Nachtisch“ sollen motivieren, führen aber häufig dazu, dass Kinder das Essen immer stärker verweigern oder wählerischer werden. Studien zeigen, dass jedes zusätzliche Drängen oder Bitten die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Kinder Essen als unangenehm oder konflikthaft erleben. Je mehr Druck aufgebaut wird, desto stärker entsteht ein Machtkampf – mit dem Resultat, dass Essen nicht mehr mit Freude, sondern mit Stress verbunden ist.
Wenn wir unser Kind immer wieder nerven damit, dass es doch bitte den Brokkoli oder Spinat essen soll, wird es dies umso negativer ablehnen. Das hat einfach keinen Sinn. Viele Kinder haben da eine natürliche Abneigung dagegen. Lassen wir sie das selber entscheiden, aber leben wir ihnen vor, wie wir Gemüse essen. Irgendwann werden sie sich von allein dafür interessieren.
Gelassenheit beim Erziehen ist das Zauberwort. Wie wir Eltern das gut hinkriegen, ohne uns zu verbiegen, verrät Jan Uwe Rogge in seinem Buch "Gelassen erziehen, stark begleiten":
Aufess-Zwang begünstigt späteres Überessen
Viele Erwachsene glauben, dass Kinder ohne klare Regeln viel zu wenig essen würden. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen jedoch eher das Gegenteil: Kinder, die häufig zum Aufessen gedrängt werden, neigen später eher dazu, über ihren Bedarf hinaus zu essen. Zudem wird häufiger beobachtet, dass sie ein angespanntes Verhältnis zu Nahrung entwickeln, emotional essen oder Schwierigkeiten haben, Hunger von Appetit zu unterscheiden. Obwohl nicht jedes Kind dadurch eine Essstörung entwickelt, steigt durch den Druck das Risiko für ungünstige Essmuster eher.
Wenn das Aufessen immer wieder zum Thema gemacht wird und so viel darum diskutiert wird, verbindet das Kind mit jeder Mahlzeit dieses negative Gefühl, es hätte etwas falsch gemacht. Und solche Muster prägen sich ein Leben lang ein. Das klingt sehr dramatisch, aber so können gewisse Traumata entstehen, die uns noch als Erwachsene begleiten. Das kann sich in typischen Sätzen zeigen, die offenbaren, welche Erlebnisse wir als Kind hatten.
Schuld und Scham werden unbewusst an Essen gekoppelt
Wenn Kinder hören, dass „andere Kinder verhungern“ oder dass sie „nicht undankbar sein sollen“, entsteht leicht ein Gefühl von Schuld, sobald etwas auf dem Teller bleibt. Viele Erwachsene merken bis heute, wie sehr sie diese Botschaften verinnerlicht haben: Sie fühlen sich unwohl, wenn sie im Restaurant etwas übrig lassen, essen bei Familienfeiern aus Höflichkeit weiter oder empfinden Reste als persönliches Versagen. Solche Gefühle entstehen, weil Essen mit moralischen Kategorien verknüpft wurde. Das verhindert, dass Kinder lernen, selbstbestimmt und ohne schlechtes Gewissen auf ihren Körper zu hören.
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Nachhaltigkeit lässt sich besser vermitteln – ganz ohne Zwang
Der Wunsch, Lebensmittel nicht zu verschwenden, ist völlig berechtigt – aber der Zwang zum Aufessen löst das Problem nicht. Viel sinnvoller sind kleine Portionen, die bei Bedarf ergänzt werden können. Es hilft auch, Kinder zu ermutigen, sich selbst einzuschätzen und zu portionieren, damit sie allmählich ein Gefühl dafür entwickeln, wie viel sie brauchen. Ebenso wichtig ist es, Essensreste sinnvoll zu verwerten, anstatt sie „in Kinderbäuche zu stopfen“, obwohl diese längst satt sind. Auf diese Weise lernen Kinder gleichzeitig Rücksicht auf die Umwelt und Respekt vor den eigenen Körpersignalen.
Eine Lösung wäre, dass man den Kindern einfach das kocht bzw. anbietet, was sie gern essen. So ist die Wahrscheinlichkeit auch höher, dass sie besser einschätzen, wie viel sie davon mögen. Und sollte was übrig bleiben, isst man es selber einfach auf. Ja, das ist nicht immer lecker, aber eine Möglichkeit, mit Essensverschwendung umzugehen. Dem Kind einfach zu zeigen: Hey, ich esse das noch. Und das nächste Mal wisst ihr dann, den Teil vom Gericht lasst ihr für das Kind einfach weg. Dann müsst ihr auch keine Reste essen.
Übrigens: Kinder, die sehr wählerische Esser sind, haben häufig ganz besondere Fähigkeiten. Versucht es also mal positiv zu sehen, dass euer Kind so ist!
Warum sich diese Regel so hartnäckig hält – und wie es besser geht
Für viele Großeltern (und manche Eltern) ist die Aufess-Regel eng mit ihrer eigenen Lebensgeschichte verknüpft. Wer Mangelzeiten oder Krieg erlebt hat, verbindet das Leeren des Tellers mit Dankbarkeit und Sicherheit. Doch die Lebensbedingungen von Kindern heute haben sich stark verändert. Da müssen wir Eltern die ältere Generation einfach öfter mal dran erinnern.
Aber wir sollten auch Verständnis haben, dass es früher einfach anders war. Die Älteren meinen es schließlich gut und haben meist grundsätzlich eine positive Motivation für ihre Äußerungen. Aus diesem Generationenkonflikt in Sachen Erziehung sollte keine Familienfehde werden. Schließlich geht es darum, dass das Kind positiv und glücklich aufwächst und nicht darum, wer jetzt mehr Recht hat!
Ernährungsexperten empfehlen übrigens heutzutage in Sachen Kinderernährung das sogenannte „responsive Feeding“: Erwachsene entscheiden, was und zu welchen Zeiten gegessen wird, während die Kinder bestimmen dürfen, ob und wie viel sie davon essen möchten. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, in der Kinder Selbstbestimmung erleben, Eltern weniger Druck verspüren und gemeinsame Mahlzeiten entspannter werden. Probiert das einfach mal aus und tauscht euch auch mit Oma und Opa dazu aus. Vielleicht seid ihr beide gleich begeistert von der Idee und findet einen Mittelweg.







