Diagnose? Hochbegabt! Was erstmal wie ein Geschenk klingt, ist im Alltag oft eher ein Balanceakt. Zwischen großen Gefühlen, riesigem Wissensdurst und Orientierungslosigkeit hilft Kindern mit einer Hochbegabung deshalb vor allem eins: verstehen, was da los ist. Expertin Saskia Niechzial erklärt, woran sich Hochbegabung erkennen lässt und wie Familien gut damit leben können.
1. Hochbegabte Kids in a Nutshell: Fokus mit Filterfunktion plus Elefantengedächtnis
Wenn dein Kind sich mit vier Jahren intensiver mit dem Universum beschäftigt als du im Abi, ist das kein Zufall. „Hochbegabte Kids bohren sich tief in Themen ein und erinnern sich an jedes noch so komplizierte Detail“, erklärt Expertin Saskia Niechzial. Viele sprechen auch sehr früh und mit ungewöhnlich großem Wortschatz, interessieren sich schon im Kindergarten für Zahlen, Symbole oder Buchstaben. Echt beeindruckend. Manchmal aber auch anstrengend.
„Diese Kinder widmen sich oft Themen, die man jetzt so klassisch in einem bestimmten Altersabschnitt noch so gar nicht erwarten würde. Oder es geht in einer „nicht altersgerechten“ Art und Weise in die Tiefe und das Kind möchte wirklich bis zum letzten Grund wissen, was ist das, worum geht es bei diesem Thema. Gleichzeitig zeigt sich oft eine sehr, sehr hohe Gedächtnisleistung, also mit diesen Kindern über irgendetwas Vergangenes zu diskutieren, wo man meint, ah, das war doch so und so – keine Chance!“
Was interessiert, wird stundenlang durchleuchtet. Was nicht interessiert, existiert quasi nicht. „Das kann sich anfühlen wie ADHS“, sagt Saskia Niechzial, „ist aber nicht das Gleiche“. Das gilt übrigens auch für weitere Anzeichen. Beispielsweise wirken hochbegabte Kinder bei Wiederholungen häufig schnell gelangweilt oder unkonzentriert und reagieren stark auf Unterforderung, Frust oder Überreizung.
2. Blitzschnell im Denken, aber emotional mitunter noch auf der Krabbeldecke
Ein typisches Vorurteil über Hochbegabung ist übrigens, dass diese Kinder oft Schwierigkeiten im sozialen Kontext haben. Tatsächlich ist es, Stand heute, viel mehr so, dass sie das gleiche Bedürfnis nach Anschluss haben wie alle Kids, nur nicht so leicht bonden, weil sie in manchen Bereichen schon viel weiter sind. „Diese Kinder haben schwer damit zu tun, dass sie eine extrem weite kognitive Reife haben, also dort quasi einige Jahre im Denkvermögen voraus sind, während sie in der emotionalen Reife manchmal sogar etwas verzögert sind“, erklärt die Expertin.
Kinder mit einer Hochbegabung verstehen oft Dinge, für die andere noch Jahre brauchen. Aber: Ihre normale kindliche Entwicklung hinkt da natürlich manchmal hinterher. Das ergibt schnell ein inneres Ungleichgewicht, das überfordert. Die Folge können Ängste oder ein gesteigertes Bedürfnis nach Sicherheit sein.
Wenn ich mich stets und ständig in der Tiefe mit Themen beschäftige oder Dinge verstehe, für die meine emotionale Reife noch gar nicht da ist, dann kann das zum Beispiel starke Ängste auslösen. Das haben wir ganz oft in diesem Kontext. Dann wird sich etwa in einem sehr jungen Alter auf der einen Seite schon vertieft mit dem Weltall beschäftigt, das ist so ein klassisches Thema, und mit Unendlichkeit und all diesen großen Fragen. Und gleichzeitig möchte man sich aber nicht von Kleinkindserien trennen.
Es gibt auch eine Tendenz bei hochbegabten Kindern, sich eher älteren Kindern oder erwachsenen Bezugspersonen zuwenden, weil sie oft merken, dass sie in ihren Themen mit Gleichaltrigen vielleicht nicht so optimal connecten. Manchmal fühlen sich die Kinder deshalb isoliert.
Saskia Niechzial (@liniert.kariert)
… ist Grundschulpädagogin, Bildungsexpertin und hat selbst vier Kinder. Sie störte als Schülerin oft im Unterricht. Dass dahinter eine Hochbegabung und ADHS steckten, erfuhr sie erst als Erwachsene. Nun gibt sie auf Instagram alias liniert.kariert und ihrer Webseite wertvolle Tipps zum Thema Neurodivergenz.
Besonders wichtig ist ihr dabei, unsere Kinder zu ermutigen, an ihr Potenzial zu glauben. Sie zeigt, warum unkonventionelle Methoden viele Kinder (und ihre Lehrkräfte und Eltern) weiterbringen als alte Hüte und schätzt etwa Mützen im Unterricht, wenn sie individuell helfen. Außerdem schreibt sie Ratgeber wie diesen Bestseller, den ich allen Eltern ans Herz legen kann:
3. Müde? Wird überbewertet
Viele Hochbegabte brauchen weniger Schlaf, auch schon als Babys. Die gute Nachricht: Dein hochbegabtes Kind ist oft trotzdem gut gelaunt. Die schlechte: Du bist es vielleicht nicht immer, weil du unendlich müde bist.
4. Was Hochbegabung mit Langeweile zu tun hat
Weil hochbegabte Kinder oft schneller und tiefer denken, kommt Langeweile auf, wenn neue Impulse ausbleiben. Das frustriert, überfordert und kann sich in Gefühlsausbrüchen oder Rückzug zeigen. Sind sie in der Schule unterfordert, können sie auch auffällig werden und manche bleiben sogar weit unter ihren Möglichkeiten.
Was hilft? Kein Dauerprogramm, sondern passende, Interessen-basierte Herausforderungen und Raum für Neugier. Hochbegabte Kinder brauchen viel Verständnis und wir dürfen sie gleichzeitig nicht überfordern oder überschätzen. Das ist für Eltern manchmal gar nicht so leicht.
Wenn du also das Gefühl hast, dein Kind „tickt anders“ sprich das an. Auch wenn dir nicht jede Kinderärztin sofort zuhört. Manchmal hilft der Umweg über Ergotherapie oder Entwicklungsdiagnostik. Hauptsache, du bleibst nicht allein mit deinen Beobachtungen.
5. Und was, wenn ein Geschwister nicht hochbegabt ist?
Wenn ein Kind ständig als „das Schlaue“ wahrgenommen wird, leiden Geschwister oft still mit. Manchmal im Schatten, manchmal im Kontrastprogramm. Als Eltern können wir da nur darauf achten, jedem Kind das zu geben, was es gerade braucht – nicht „gleich viel“, sondern gerecht.
Hochbegabung ist kein Wettbewerb und keine Trophäe. Sie ist eine Form, die Welt zu sehen, mit anderen Augen, anderen Bedürfnissen und manchmal auch anderen Baustellen. Wenn du den Eindruck hast, dass dein Kind da reinpasst: Vertrau dir. Hol dir Unterstützung. Und bleib im Gespräch: mit deinem Kind, mit der Kita, mit anderen Eltern. Ihr seid nicht allein.

