Unsere Kinder zeigen ihre Gefühle oft anders als wir Erwachsenen. Statt zu sagen „Mama, ich bin gestresst“, verändern sie ihr Verhalten. Als Eltern können wir diese stillen Hilferufe leicht übersehen oder falsch deuten. Dabei ist es so wichtig, emotionale Überforderung frühzeitig zu erkennen – denn dann können wir unsere Kinder am besten unterstützen.
Emotionale Überforderung kann jedes Kind treffen – egal ob schüchtern oder selbstbewusst, Kleinkind oder Teenager. Manchmal sind es die Herausforderungen des Alltags, Veränderungen in der Familie oder auch Druck in der Schule, die unsere Kleinen an ihre Grenzen bringen. Das Gute ist: Je früher wir die Anzeichen erkennen, desto besser können wir helfen.
#1 Große Reaktionen auf kleine Probleme
Die klassische „Trotzphase“ liegt vielleicht schon hinter euch oder du glaubst, die typischen Trigger deines Kindes zu kennen. Aber in letzter Zeit rastet es völlig aus, weil die Socken nicht passen oder das Sandwich falsch geschnitten ist? Solche Reaktionen auf alltägliche Situationen können ein deutliches Zeichen für emotionale Überforderung sein.
Wenn dein Kind regelmäßig in Tränen ausbricht oder wütend wird, ist das oft ein Hinweis, dass es innerlich mit größeren Gefühlen kämpft, die es noch nicht anders ausdrücken kann. Diese emotionalen „Überläufe“ passieren, weil das Fass bereits voll ist und jeder weitere Tropfen zu viel wird. Achte besonders darauf, wann und in welchen Situationen diese Ausbrüche auftreten – oft gibt es ein Muster.
In „Deine Angst, meine Angst“ thematisiert Bestseller-Autorin Imke Hummel, wie du dein Kind in Krisen und großen Gefühlen emotional begleiten kannst:
#2 Vermeidung alltäglicher Situationen
„Ich will nicht zur Schule“ oder „Ich möchte nicht zum Kindergeburtstag“ – wenn dein Kind plötzlich Dinge meidet, die es früher gerne gemacht hat, sollten die Alarmglocken läuten. Vermeidungsverhalten ist ein klassisches Zeichen für innere Unsicherheit oder Angst. Kinder ziehen sich zurück, wenn ihnen Situationen zu viel werden oder sie sich überfordert fühlen.
Besonders aufschlussreich ist es, wenn dein Kind nicht nur einmal, sondern wiederholt bestimmte Aktivitäten oder Orte vermeiden möchte. Versuche behutsam herauszufinden, was genau an der Situation Unbehagen auslöst, ohne Druck auszuüben oder zu urteilen.
Bist du oder dein Kind von Trauma betroffen, findest du bei der Telefonseelsorge unter 0800 1110111 Hilfe und du kannst beim IQWiG Beratungsangebote finden. Bei der Bundes-Psychotherapeuten-Kammer findest du eine Therapeutensuche. Auch das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch und der Arbeitskreis der Opferhilfen in Deutschland e.V. (ado) sind wichtige Anlaufstellen. Bei einem psychischen Notfall ist es wichtig, dich an die nächste psychiatrische Klinik oder den Notarzt unter der Telefonnummer 112 zu wenden.
#3 Veränderungen bei Schlaf- oder Essverhalten
Plötzliche Schlafprobleme, häufige Albträume oder Veränderungen beim Essen können wichtige Hinweise auf emotionale Überforderung sein. Vielleicht will dein Kind nicht (mehr) alleine schlafen, wacht nachts häufiger auf oder isst deutlich mehr oder weniger als sonst.
Unsere grundlegenden Bedürfnisse reagieren besonders sensibel auf emotionalen Stress. Gerade ältere Kinder ziehen sich manchmal auch zurück und schlafen auffällig viel – ein Versuch, der überfordernden Realität zu entfliehen. Achte auf diese Veränderungen, besonders wenn sie plötzlich auftreten oder länger anhalten.
#4 Körperliche Beschwerden ohne klare Ursache
„Mir tut der Bauch weh“ oder „Ich habe Kopfschmerzen“ – besonders vor der Schule oder neuen Situationen? Wenn dein Kind häufig über körperliche Beschwerden klagt, für die der Kinderarzt oder die Kinderärztin keine medizinische Ursache findet, könnte emotionaler Stress dahinterstecken.
Unser Körper und unsere Gefühle sind eng miteinander verbunden, und gerade Kinder zeigen seelische Belastungen oft durch körperliche Symptome. Diese Beschwerden sind absolut real und sollten ernst genommen werden! Sie sind keine Ausrede, sondern ein Hilferuf des Körpers, der signalisiert: „Hier stimmt etwas nicht mit meinem emotionalen Wohlbefinden.“
#5 Mehr Anhänglichkeit oder stärkerer Rückzug
War dein Kind bisher selbstständig und klammert jetzt plötzlich? Oder zieht sich dein sonst so gesprächiges Kind immer mehr zurück? Beide Extreme können auf emotionale Überforderung hindeuten. Manche Kinder suchen bei Stress mehr Nähe und Sicherheit bei ihren Eltern, andere ziehen sich in ihre eigene Welt zurück.
Besonders alarmierend ist es, wenn ein Kind, das normalerweise offen und kommunikativ ist, plötzlich verschlossen wirkt oder wenn ein unabhängiges Kind auf einmal nicht mehr von deiner Seite weichen will. Diese Verhaltensänderungen sind oft ein Versuch, mit überwältigenden Gefühlen umzugehen.
Wie du deinem emotional überforderten Kind helfen kannst
Wenn dein Kind überfordert wirkt, können einfache Methoden große Wirkung zeigen: weniger Pläne, mehr Struktur, mehr gemeinsame Momente, in denen es zur Ruhe kommen oder Dinge thematisieren kann. Zusätzlich helfen folgende Methoden:
- Regelmäßige „Gefühls-Check-ins“: Lass dein Kind ein Bild malen und darüber sprechen, was es darstellt oder warum es bestimmte Farben gewählt hat.
- Entspannungsübungen wie das „Bauchatmen“: Legt die Hände auf den Bauch, atmet fünf Sekunden ein und fünf Sekunden aus – wie ein Ballon, der sich füllt und leert.
- Die „Mein besonderer Ort“-Übung: Lass dein Kind einen sicheren, friedlichen Ort visualisieren, den es in stressigen Momenten gedanklich aufsuchen kann.
Das Wichtigste: Sei geduldig und mache die Übungen gemeinsam - das stärkt nicht nur die emotionale Gesundheit, sondern auch eure Bindung.
Fazit: Vertraue deinem Bauchgefühl
Als Eltern kennen wir unsere Kinder am besten. Wenn du das Gefühl hast, dass etwas nicht stimmt, ist das oft ein wichtiger Hinweis. Die gute Nachricht: Emotionale Überforderung ist kein Dauerzustand. Mit liebevoller Unterstützung, offenen Gesprächen und manchmal auch professioneller Hilfe können Kinder lernen, ihre Gefühle besser zu verstehen und zu bewältigen.
Der wichtigste Schritt ist, die Signale frühzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren. Nicht mit Druck, sondern mit Verständnis und Geduld. Dein Kind braucht in solchen Momenten vor allem die Versicherung, dass seine großen Gefühle normal sind – und dass es mit ihnen nicht alleine ist.









